Kritik üben

Jeder dieser Beiträge steht für sich und kann unabhängig von den anderen gelesen werden. Chronologisch ist der Start ganz unten …


3.10.2018 | Vergleichen schadet

“Je größer der relative Wohlstand aller ist, desto schlechter fühlt sich der Einzelne, solange er nicht ganz oben ist. In einer scheinbar befriedeten Gesellschaft vergleicht sich jeder mit jedem ganz ungeschützt, ohne sich der selbstschädigenden Konsequenzen des Vergleichens bewusst zu sein. Mit anderen Worten: Es wird fortgehend mehr frei flottierende Unzufriedenheit in die Welt gesetzt, als mit den bestehenden Mitteln der Befriedigung gebunden werden kann“ (P. Sloterdijk, NZZ 2018).

Auch keine Lösung dagegen bietet der Suhrkamp-Verlag in einem scheinbar besonders handlichen Büchlein unter dem Titel „Ungleichheit: Warum wir nicht alle gleich viel haben müssen“, wo er dem Leser von Harry G. Frankfurt (2016)  auf knapp 100 Seiten ungefähr gefühlte 220 mal die These „Gleichheit ist kein moralischer Wert an sich“ einbläuen lässt. Vielmehr drängt sich mir die Frage auf, ob das die fortschrittlich-amerikanische Art ist, von niemandem gestellte lebensphilosophische Fragen zu beantworten, oder ob es mit der allgemeinen modernen Konzentrationsunfähigkeit zu tun hat.
Spätestens nach einem Viertel des Textes möchte man rufen: „Jaha, ich hab’s kapihiert!“ Aha, es kommt also nicht darauf an, sich mit anderen zu vergleichen und angesichts der Diskrepanz über Ungleichheit zu klagen, sondern darauf, den eigenen Bedarf für ein gutes Leben unabhängig von dem (Bedarf, Besitz oder Leben) anderer herauszufinden. Einverstanden. Soll auch in Sachen Zufriedenheit mit der eigenen Gehaltseinstufung schon oft geholfen haben.
Völlig diffus wird es, wenn der Autor (ebenso redundant, ab S. 60) tautologisch seine Einsicht formuliert, „dass der Wunsch, glücklich oder einverstanden oder zufrieden mit seinem Leben zu sein, ein Wunsch nach einem zufriedenstellenden Grad an Zufriedenheit ist – und nicht der Wunsch, den eigenen Grad an Zufriedenheit zu maximieren“ (S. 65).
Mein neues Ziel im Leben: mit einer zufriedenstellenden Zufriedenheit zufrieden zu sein. Und wenn es soweit ist, ein Buch zu schreiben mit dem Titel: „Warum die Welt so ist wie sie ist und nicht so, wie wir – wer auch immer „Wir“ ist – sie gerne hätten, und warum ich das so doll weiß und es jetzt dringend allen mitteilen muss“.

Also: nicht vergleichen.

 

27.9.2018 | …

Tun sich Menschen in Gruppen zusammen, verfolgen sie oft ein bestimmtes gemeinsames Ziel oder Programm und bezeugen dieses im Namen ihres Vereins. Vorbildhaft dafür sind politische Parteien. Vorbildhaft leider auch dafür, dass der Name mit dem Handeln oft herzlich wenig – schlimmstenfalls das Gegenteil zu tun hat: die unsoziale SPD mit ihrer schon notorisch undemokratischen Vorsitzendenauswahl; die unchristliche CSU; die alternativenlose AfD.

Eigentlich unverdächtig in diesem Zusammenhang und sicherlich nur mit guten Absichten unterwegs sind die KollegInnen der “Gewaltfreien Kommunikation (GfK)“. Der Name provoziert aber Fragen: warum bedient man sich – wenn auch negierend – der „Gewalt“ in der Selbstbenennung und findet keine an sich konstruktive Bezeichnung? Und wozu diese Doppelung, die in den beiden Wörtern steckt? Kommunikation ist immer gewaltfrei, sonst ist sie keine Kommunikation. Vermutlich hat das auch Habermas in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ so vertreten, hätte er zumindest sollen. Von Reemtsma stammt dazu der Buchtitel, der alles klarstellt: „Die Gewalt spricht nicht“. Allgemeiner: die Gewalt kommuniziert nicht. Herrscht Gewalt, hat Kommunikation aufgehört.

Weiter sprechen.

 

20.9.2018 | Sinn

Leider kein besonders sinnvoller Kauf: „Der Sinn des Lebens“ von Terry Eagleton. Für eine kurze und sehr oberflächliche Einführung in die Geschichte der philosophischen Versuche, der Frage nach dem Lebenssinn auf den Grund zu gehen, mag dieses Buch taugen, aber Antworten – gar „überraschende und inspirierende“, wie der Klappentext behauptet – finden sich nicht. Man hätte stutzig werden können und sollen, wenn die Werbung das Buch zugleich als „unmöglich, aufregend, demütig, heiter, großartig, geistreich, kritisch und vergnüglich“ anpreist …
„Zum Glück (wessen?! d. Rez.) ist Terry Eagleton kein Philosoph“ – eher schade. Nach den ersten drei Kapiteln fragte ich mich eher nach dem Sinn und Zusammenhang der sehr häufigen und unmotivierten Perspektivwechsel, die der Autor vornimmt.  Und plötzlich tauchen da zwischen Nietzsche, Freud und Wittgenstein – die hier immer gut hineinpassen – der moderne Kapitalismus und die Amerikaner im Irak auf. Offenbar ging es dem Autor darum, neben historischen Eindrücken auch erkenntnistheoretische und dann wieder aktuelle Bezüge einfließen zu lassen. Das Projekt musste an der Kürze der Abhandlung scheitern. So bleibt der Eindruck, einem netten englischen Literaturprofessor beim freien Assoziieren über den Inhalt seiner reichhaltigen Bibliothek zugehört zu haben. Genau so könnte das Buch tatsächlich entstanden sein.
Aber ob das der Sinn war?!

Auch professoral, aber eindeutig spannender: John Williams – Stoner. Ein in seiner Trostlosigkeit berührendes und bewegendes Buch, das den familiären und akademischen Lebensweg des Literatur-Professors William Stoner in der US-Provinz erzählt (wobei „Erzählen“ falsche Erwartungen einer lebendigen Story weckt). Beim Tod seines verehrten Lehrers ist S. „davon überzeugt, dass Sloane in einem Augenblick der Verärgerung und Verzweiflung sein Herz willentlich zum Stehen gebracht hatte, gleichsam in einer letzten stummen Geste der Liebe und Verachtung für eine Welt, die ihn so umfassend verraten hatte, dass er es nicht länger ertragen konnte“ (114). Es scheint, als sei der Lehrer auch für das Lebensende Stoners (unerreichtes) Vorbild: er selbst schafft diesen Willensakt nicht… (mehr darf man in einer Rezension nicht verraten). Nur an vier Stellen ist er aktiv an der Gestaltung seines eigenen Lebens beteiligt: beim Studienfachwechsel, bei der Ablehnung eines Prüflings (zu sehr hohem Preis), bei der Affäre mit einer jungen Kollegin und bei der Entscheidung über seine alten Seminare bzw. über seinen Pensionsbeginn. Aber vielleicht ist das schon vergleichsweise viel Selbst-Gestaltung?!

Weiter fragen?!

 

18.9.2018 | Narzissmus und kein Ende

Zu einer „Buchbesprechung“ im Deutschen Ärzteblatt (PP) – https://www.aerzteblatt.de/archiv/200280/Wolfgang-Schmidbauer-Vom-Psychoanalytiker-zum-Weltweisen

Nichts erfahre ich als potentieller Leser über das „besprochene“ Buch, viel dagegen über die Herren Moser und Schmidbauer (sensu Moser). Moser will lästern – das verdeutlicht das ungefragte Dementi in der Mitte des Artikels – und tut es auf pubertärste Art. Oder wollte er eines der „Geheimnisse der Kränkung“, eines der „Rätsel des Narzissmus“ am eigenen Beispiel veranschaulichen? Das wäre dann kaum gelungen: inhaltlich wegen seiner zwischen kryptisch und nichtssagend pendelnden Andeutungen nicht, und formal leider auch nicht angesichts der hohen Dichte an grammatischen und Satzbau-Fehlern, falschen Bezügen und einfach verschwurbelten Sätzen in diesem quantitativ wie qualitativ überschaubaren Text.
Von der Redaktion dieser Zeitschrift wünschte ich mir, ein Mindestmaß an Zeit fürs Lektorieren solcher Artikel (auch von scheinbar bewährten alten Autoren) aufzuwenden, um ähnliche Peinlichkeiten zukünftig zu vermeiden.

Schreiben üben.

 

11.9.2018 | Kein Therapieerfolg – leider auch kein Lektüreerfolg!

Auch das real-deutsche Psychotherapeutenmilieu ist längst ins Krimi-Genre („Narzissmus brutal“ – Braun & Hammer 2014) integriert. Nachdem mit Allgäu-, Eifel- und diversen Städtekrimis die Lokalkolorite abgedeckt sind, müssen nun die unterschiedlichsten Berufsfelder herhalten – bleibt abzuwarten, welcher Bezirksschornsteinfeger, Bäckergeselle oder Museumsaufpasser demnächst zum Sonderermittler aufsteigt.
Konkret: der Einblick ins therapeutische Ambiente mit Antragsfrust, kollegialen Gesprächen und (fast) ständiger Selbstreflektion ist realistisch, das Heile-Welt-Familienleben des Therapeuten B. als Gegenpol zum gewalttätigen, beziehungslosen, gefühlskalten Leben des Patienten W. erscheint dagegen sehr dick auftgetragen. Die innere Dynamik des narzisstischen Patienten mit seinen Macht- und Größenfantasien, seinen selbst erlittenen Übergriffen, seinen immer nur kurz anhaltenden und suchtartigen „Erfolgs“-Erlebnissen auf Kosten anderer Menschen (tatsächlich brutal!) wird gut nachvollziehbar, wobei die Frage offen bleibt, warum so jemand eigentlich eine Psychotherapie beginnt.
Beim Innenleben des Therapeuten B. beschränken sich die Autoren schon sehr penetrant auf ihre sehr abstrakte Idee der „Quellenamnesie“ und der Aufdeckung einer eigenen traumatischen Erinnerung – man hätte sich ein bisschen mehr als die verhaltenstherapeutischen Klischees gewünscht.
Dass hier Psychologen, aber keine Krimiautoren am Werk waren, merkt man spätestens auch daran, dass die Zusammenhänge – B. sucht „irgendetwas“ und findet prompt die Versteckskizze der Entführer etc. – allzu sehr an den ungepflegten Haaren herbeigezogen sind.

Ich habe das Buch mit zunehmendem Bedauern zu Ende gelesen, für eine Weiterempfehlung reicht es damit nicht.

Weiter schreiben ?!

 

9.9.2018 | Wolf Haas – Das Wetter vor 15 Jahren (2008, dtv)

„Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ lautet der Titel eines Buchs von Pierre Bayard, das Händler wie Amazon eigentlich längst in die Pleite hätte treiben müssen. Variation: Bücher lesen, die es gar nicht gibt – was für diesen untypischen Haas (kein Krimi, kein Brenner …) gelten könnte. Genauer gesagt, Besprechungen von Büchern lesen, die es gar nicht gibt. Anfangs wartest Du noch darauf, dass der eigentliche Text nach dem Interview endlich beginnt, bis Du merkst, das Interview IST der Text. Und der wird dann doch irgendwie Haas-typisch: ellenlange Beschreibungen vollkommen nebensächlich erscheinender Inhalte, die tatsächlich gar nicht inhaltlich packen sollen, sondern der Verlangsamung des schlingenden lesenden Geistes dienen, auf dass er merkt, wie viel Überflüssiges er schon intus hat.

Man kann das langweilig finden, aber entspricht es nicht manch zähen Phasen des eigenen Lebens?

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23.8.2018 | Erwachsenensprache II

Im gleichen Kapitel (Pfaller 2018, S. 55 ff) kritisiert er das „für die political correctness grundlegende Prinzip: ´Wer sich verletzt, beleidigt, etc. fühlt, hat recht´“ und die allzu schnelle Neigung sich als empathisch verstehender Menschen, sich auf die empörte, und damit scheinbar schon richtige, Seite zu schlagen.

Aber: „Man muss … fähig sein, einzusehen, dass bestimmte Worte in einem bestimmten Kontext nicht nur nicht beleidigend gemeint waren, sondern es auch nicht sind, und dass man mit seiner beleidigten Empfindung im Irrtum war. (…) Nur bei Entmündigten zählt nichts als deren Empfindung. (…) Nur derart infantilisierte Wesen sind nicht in der Lage, zwischen wirklichen Traumata und all dem gewöhnlichen Ungemach zu unterscheiden, das zum Leben – wie erwachsene Menschen einzusehen vermögen – eben gehört. (…) Eine entscheidende, für das Erwachsenwerden unumgängliche Einsicht besteht darin, zu erkennen, dass sich bestimmte Widrigkeiten im Leben nicht vermeiden lassen – dass sie also sozusagen für das Leben `essentiell´ sind.“.

Wie schön auch (aus psychotherapeutischer Sicht), vom Philosophen an dieser Stelle an die zentrale psychische Fähigkeit zur „Triangulierung“ als hilfreich-distanzierendes „Hinzutreten einer dritten Blickposition“ erinnert zu werden, die im Eifer des modernen Opfer-Täter-Gefechts immer mehr verlorenzugehen scheint.

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12.8.2018 | Political Correctness – nichts für Erwachsene

Mein Unbehagen mit dem Phänomen „PC“ fand ich jüngst im neuen Buch des österreichischen Philosophen Robert Pfaller – „Erwachsenensprache“ (2018, S. 40) – auf den Punkt gebracht. Aus Bequemlichkeit sei er hier zitiert:

„Political Correctness ist ein Sprachspiel unter Privilegierten, das sich in der Regel in Abwesenheit derer vollzieht, um die es dabei eigentlich geht. So, wie es Antisemitismus ohne Juden und Rassismus ohne Rassen gibt, gibt es auch Antidiskriminierungsdiskurse ohne Diskriminierte. Meist ergeht der Vorwurf mangelnder politischer Korrektheit von einem nichtdiskriminierten Angehörigen aus den Mittelschichten an einen anderen. Die Figur der diskriminierten oder benachteiligten Person spielt dabei lediglich die Rolle einer Geisel, durch deren Kaperung sich der eine halbwegs Privilegierte gegenüber dem anderen einen Vorteil verschafft.

Dies ist das Ergebnis verschärfter Konkurrenz unter Mittelstandsangehörigen. Durch die neoliberale Verteilung des Reichtums nach ganz oben ist der Platz in der Mitte knapper geworden. Darum beginnen die Aspiranten, Distinktionskämpfe zu führen, um lästige Mitstreiter auszuschalten. Politisch korrekter Sprachgebrauch ist – ebenso wie Charity, ethical Fashion, ökologisches Einkaufen und veganes Kochen – vor allem und zu allererst ein Distinktionskapital; eine Waffe, mit deren Hilfe man mehr oder weniger Gleichgestellte wirksam zu Ungleichen machen kann. Auch daher kommt es, dass die Bemühungen um Korrektheit nie ein zufriedenstellendes Ende finden: Denn das kostbare Gut des angemessenen Benennens muss immer weiter verknappt werden, damit man weitere Konkurrenten deklassieren kann.“

Die Sprache wird, in einem ewigen Überbietungswettbewerb, „verschönert“, jedoch nicht wirklich, wie kläglich scheiternde Sprechversuche mit Binnen-I, Unter_strich oder LGBTQ-* beweisen. Und der Anspruch an sich selbst oder (meist lieber) andere, korrekt zu sprechen, ist das Gegenteil von emanzipiert in einem erwachsenen Sinne.

Weiter sprechen …

 

1.8.2018 | Anders ist schön? – Schön ist anders!

Die Internet-Präsenz meines früheren Arbeitgebers – der Helios-Kliniken – ist jetzt erneuert, „relaunched“, verschönert. Meint man vermutlich bei Helios. Es sind jetzt auch nicht mehr die Helios-Kliniken, die dort vorgestellt werden, sondern es ist die „Helios-Gesundheit“, die sich dort in beliebiger Gestaltlosigkeit präsentiert. Wenn man beabsichtigte, sich möglichst nichtssagend und ästhetisch darzustellen, dann ist das m. E. zur Hälfte gelungen: mit deutlich größerem Text wird inhaltlich deutlich weniger bzw. nichts mehr mitgeteilt. Schöner ist es nicht geworden, da hilft auch der (digital besonders dämliche) Anstrich mit „frischen Farben“ nicht. Ein markantes Beispiel des Mottos „Inhalt folgt Form“, und leider auch Ausdruck einer Entwicklung, durch die die Arbeit in den Kliniken jede Kreativität und Beziehungsorientierung verloren hat, aber viel ins Aufhübschen der „Schauseite“ eines Unternehmens (S. Kühl) investiert wird.

Weiter verschönern!

 

9.7.2018 | Tiefenpsychologie und Traumatherapie

Unter dem Betreff „Tiefenpsychologische Therapie“ und mit Bezug auf meine Webinfo dazu schrieb mir Anfang 2018 jemand unter Verwendung des Namens „Regine Hirschmann“ im Mailabsender (jede Regine Hirschmann muss einem dafür leid tun, dass ihr Name für solche Zwecke missbraucht wird – die eine, die evtl. tatsächlich dahintersteckt, darf sich zu recht schämen und zugleich freuen, dass ich den Namen doch ein wenig verfremdet habe):

„Sehr geehrter Herr Bracke, Wie kann jemand, der Traumatherapie (#metoo) anbietet mit Freuds Theorie arbeiten? Eine auf Sexualtrieb ausgerichtete Therapie. Da kommt es mir echt hoch, wenn ich das lese. Und das lassen Sie dann einfließen inIhre (sic!) Traumatherapie? MfG“

Viele der Impulse, die mir dabei hochkommen (um im Bild zu bleiben), können hier gar nicht wiedergegeben werden. Besser, ich schlucke sie gleich wieder hinunter. Welche Antwort bliebe mir übrig, wenn ich denn antworten wollte?

a) Na, da haben Sie wohl wirklich die Weisheit mit Löffeln gefressen (allerdings eine wichtige Zutat weggelassen: Differenzierungsfähigkeit) und mir schön auf die Schuhe gekotzt! Aber: Freuds Theorie (und sein Menschenbild) ist nicht zugleich die Therapie, diese ist nicht „auf Sexualtrieb ausgerichtet“, und mal eben gut 100 Jahre der Auseinandersetzung mit ihr unter den Tisch fallen zu lassen, ist auch eine Leistung, aber eine schwache! Außerdem, was hat Traumatherapie mit #metoo, einer mediengehypeten Bekenntniswelle von der falschen Seite, nämlich von denjenigen, die es sich (mittlerweile) leisten können, zu tun? Meine Trauma-Patientinnen würden sich sicher nicht in einem Atemzug damit nennen lassen wollen.

b) Gut (kann er damit arbeiten)! Denn er kann hinter den traumatischen Verletzungen auch die verschütteten Bedürfnisse, Sehnsüchte, Wünsche und Gefühle der Patienten erahnen, die aufgrund der erlebten Gewalt und des später nötigen Selbstschutzes keinen Raum mehr erhielten. Ja, vielleicht auch sexuelle, aber sicher vorher viele andere.

c) Was beabsichtigen Sie mit Ihrer „Kritik“? Sollen alle tiefenpsychologisch arbeitenden Therapeuten (welche – vorzugsweise naive oder verräterische – Rolle spielen eigentlich die weiblichen Kolleginnen dabei?) jetzt erst einmal öffentlich der Freudschen Theorie abschwören? Freuds Bücher verbrennen? Oder ihre Finger von jeglicher Traumatherapie lassen? Würden Sie das auch Frau Reddemann, den Herren Sachsse oder Seidler empfehlen?

d) Anonym kotzt sich immer gut. Ist der Name R. H. überhaupt echt? Steckt dahinter eine schlecht behandelte Patientin oder eine frustrierte Kollegin? Mich so undifferenziert anzugiften, ohne den eigenen Hintergrund auch nur ein wenig zu lüften, ist unfair und unwürdig. Vielleicht hat die Schreiberin (?) das am Ende auch gespürt und deshalb von einer Unterschrift abgesehen…

Weiter üben!

 

8.7.2018 | Kritik üben?

Jede/r darf heutzutage (zumindest in einer relativ freien Gesellschaft wie der unseren) an allem und jedem Kritik üben. Nimmt man den Begriff wörtlich – Kritik ÜBEN – dann legt sich der Gedanke nahe, dass viele tatsächlich erst einmal Kritik üben sollten, bevor sie mit dem Kritisieren loslegen. Ich schließe mich da selbst nicht aus, und deshalb dient mir diese Sammlung kritischer Kommentare in lockerem Rhythmus als schein-öffentliches Training.

Üben.